Allgemein
Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen sollten deutlich intensiver erforscht werden, weil sie eine zentrale Rolle für Selbstbestimmung, Teilhabe und Lebensqualität spielen. Gut entwickelte und individuell angepasste Hilfsmittel ermöglichen es Betroffenen, alltägliche Aufgaben eigenständig zu bewältigen, am Arbeitsleben teilzunehmen und soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Dadurch wird nicht nur die persönliche Unabhängigkeit gestärkt, sondern auch das Risiko von Isolation und daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen reduziert.
Zugleich haben innovative Hilfsmittel das Potenzial, Pflegebedarfe zu verringern und das Pflegepersonal spürbar zu entlasten. Wenn Menschen länger selbstständig leben können, sinkt der Bedarf an intensiver Betreuung, was langfristig auch die Kosten für das Sozial- und Gesundheitssystem reduziert. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass neue Technologien und Hilfsmittel umfassend getestet, weiterentwickelt und sinnvoll in bestehende Versorgungsstrukturen integriert werden.
Darüber hinaus hilft eine bessere Forschung dabei, Fehlentwicklungen zu vermeiden. Nicht jedes Hilfsmittel führt automatisch zu Verbesserungen – manche sind zu teuer, fehlerhaft, ineffizient oder im Alltag schwer nutzbar. Durch gezielte Forschung können wirksame Lösungen schneller identifiziert und verbreitet werden, während ungeeignete Ansätze frühzeitig erkannt werden. Insgesamt ist die Forschung in diesem Bereich daher ein entscheidender Schlüssel, um Inklusion praktisch umzusetzen und den großen gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft – insbesondere im Pflegebereich – wirksam zu begegnen.
Prothetik – Entwicklung und Herstellung von Prothesen
Prothetische Hilfsmittel sind für mich ein zentraler Bestandteil, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Seit meinem zweiten Lebensjahr trage ich eine Beinprothese, und die Technik hat sich in den letzten fünfzig Jahren rasant weiterentwickelt. Moderne Beinprothesen sind längst keine starren Konstruktionen mehr, sondern mikroprozessorgesteuerte Systeme, die mit hydraulischen Komponenten sowie Sensorik und Elektronik kombiniert sind. Je nach individueller Mobilität werden Patientinnen und Patienten in sogenannte Aktivitätsstufen eingeteilt, um das passende Prothesengelenk auszuwählen. Diese Hightech-Produkte können jedoch bis zu 50.000 Euro kosten und sind nicht für alle gleichermaßen geeignet.

Prothesen im Wandel
Produkte können Mängel haben
Leider musste ich bei einem neuen und hochpreisigen Produkt feststellen, dass eklatante Mängel vorhanden waren. Bei der Einführung des Produktes war die Bluetooth-Verbindung zur Prothese nicht geschützt, welche man für die Konfiguration des Gelenks benötigt. Zudem es kam nach einer mehrwöchigen Einsatzphase zu Sturzereignisse mit Verletzungsfolgen. Die sogenannte „Schwungphasenfreischaltung“, welche nur bei einen beginnenden Vorwärtsschritt auslöst, löste aus, obwohl das Gelenk zum Standbein wurde. Dieses Beispiel zeigt, wie schwierig es noch immer ist, eine sichere und zuverlässige Beinprothese zu bauen. Denn Stürze können das Vertrauen in das Produkt erheblich mindern und zu erheblichen Einschränkungen in der Selbstbestimmung sowie zu Schäden im Sozialsystem führen. Zudem kann so auch ein Pflegefall entstehen und hat damit massive Auswirkungen auf das Schicksal eines Menschen haben.
Mehr Forschung notwendig
Die obige Problematik zeigt, dass noch viel intensiver in der Prothetik geforscht werden muss und das wir vielleicht auch interdisziplinärer denken müssen. Zum Beispiel habe ich gelesen, dass es in Deutschland eine Forschungseinrichtung gibt, welche sich mit Implantaten unter der Haut beschäftigt, welche in der Lage sind, eine Muskelkontraktion messtechnisch darzustellen. Kombiniert man diese neuen Technologien im Bereich der Prothetik (z. B. auch bei Armprothesen), könnten evtl. Prothesen noch sicherer und besser bedienbar werden und deren Nutzwert weiter steigen.

Exoskelette als Schlüsseltechnologie der Zukunft
Exoskelette spielen aus meiner Sicht eine entscheidende Rolle für die Zukunft. Dabei handelt es sich um mechanische Stützstrukturen, die den menschlichen Körper bei Bewegungen unterstützen, Muskelkraft verstärken und körperliche Belastungen reduzieren. In der Arbeitswelt kommen solche Systeme bereits zum Einsatz. In der Medizin könnten sie dazu beitragen, Mobilität zurückzugewinnen, die Zeit im Rollstuhl zu verkürzen und die aktive Teilhabe zu erhöhen. Selbst Menschen mit sehr kurzen Stümpfen konnten mithilfe dieser Technologie wieder laufen lernen. Mit zunehmender Verbreitung und Serienproduktion ist zudem davon auszugehen, dass die Kosten langfristig sinken werden.

Ausgabenentwicklung der Pflege in Deutschland / Quelle: GKV
Mobilitätshilfen im Auto und beim Pedelec
Für ein selbstbestimmtes Leben ist darüber hinaus eine erweiterte Mobilität unerlässlich. Umbauten an Fahrzeugen oder spezielle Fahrräder und Pedelecs sind hierfür zentrale Hilfsmittel. Ich selbst habe ein eigenes Pedelec mit einem inzwischen patentierten Stützradsystem und einem speziellen Lenker entwickelt, das mir auch längere Reisen ermöglicht und damit erheblich zu meiner Lebensqualität beiträgt. Gleichzeitig dient es als effektives Fitnessgerät.
Als Mensch ohne Hände und mit Beinprothese bin ich zudem auf ein individuell angepasstes Auto angewiesen. Durch technische Modifikationen wie eine verlängerte Lenksäule, eine leichtgängige Servolenkung, angepasste Bedienelemente sowie ein Automatikgetriebe kann ich das Fahrzeug selbstständig nutzen. Ohne diese Unterstützung wäre ein unabhängiges Leben für mich kaum möglich. Umso problematischer ist es, dass es häufig an barrierefrei erreichbaren Behindertenparkplätzen, etwa an öffentlichen Einrichtungen wie Mensen oder Schwimmbädern, mangelt.

Mein umgebautes Pedelec

Mein umgebautes Auto
Toilettenproblem
Der Toilettengang stellt für mich als Mensch ohne Hände eine besondere Herausforderung dar, insbesondere auf Reisen. Bis zu meinem 25. Lebensjahr wurde ich im Urlaub stets von Familienangehörigen begleitet, die mich hierbei unterstützten.
Zu Hause nutze ich ein Dusch-WC, wie es vor allem im asiatischen Raum weit verbreitet ist. Mein Modell ist bewusst auf die wesentlichen Funktionen reduziert – dazu zählen ein beheizter Wasserstrahl sowie ein integrierter Föhn zur Trocknung. Diese reduzierte Technik macht das System in der Regel langlebiger und weniger störanfällig.
Auf Reisen greife ich seit vielen Jahren auf einen Toilettenstab zurück, der mir zuverlässig hilft, ein Stück Selbstständigkeit zu bewahren. Auch wenn diese Lösung aus hygienischer Sicht einen Kompromiss darstellt, ermöglicht sie mir deutlich mehr Unabhängigkeit im Alltag unterwegs.
Während meiner Aufenthalte auf Sardinien nutze ich zusätzlich natürliche Gegebenheiten wie das Meer oder Seen, um dieses verbleibende Problem parktikabel zu lösen.

Dusch-WC

Toilettenstab
Pottlue – Hilfsmittel aus dem 3D-Drucker
Das Binden von Schnürsenkeln stellt für viele Menschen eine alltägliche Tätigkeit dar, kann jedoch für Personen mit körperlichen Einschränkungen eine erhebliche Herausforderung sein. Vor diesem Hintergrund haben Ludwig Lübbers und Andreas Pott im Rahmen ihrer Initiative „Pottlue“ eine praktische und zugängliche Lösung entwickelt: den sogenannten „Schwipper“.
Dabei handelt es sich um eine 3D-gedruckte Alternative zum klassischen Schnürsenkel, die es ermöglicht, einen herkömmlichen Schnürschuh in einen Slipper umzuwandeln. Der „Schwipper“ besteht aus einem elastischen Schnürstreifen aus Gummi, dessen Struktur an eine Fischgräte erinnert. Die einzelnen Elemente verbinden jeweils zwei gegenüberliegende Ösen des Schuhs. Durch integrierte Widerhaken kann die Länge individuell angepasst werden, sodass ein sicherer Halt gewährleistet ist und der Schuh ohne Binden angezogen werden kann.
Das Produkt richtet sich insbesondere an Menschen mit eingeschränkter Handfunktion, kann jedoch auch von weiteren Nutzergruppen wie Kindern, älteren Menschen oder sportlich aktiven Personen verwendet werden, die einen erhöhten Komfort im Alltag wünschen.
Die Entwicklung verdeutlicht das Potenzial moderner Technologien wie des 3D-Drucks für die inklusive Gestaltung von Alltagsprodukten. Weitere Projekte und Ideen sind auf der Website dokumentiert und umfassen verschiedene funktionale sowie individuell anpassbare Lösungen.

„Der „Schwipper“ von Pottlue